
Venedig empfängt seine Gäste auf dem Wasser. Der freundliche Schiffsführer hilft uns mit kräftigem Griff an Bord. Eine leichte Brise kühlt die erhitzten Gesichter, als das Boot langsam vom Imbarcadero ablegt. Wir fahren mit dem Wassertaxi vom Flughafen Marco Polo zu unserem Hotel. Kaum hat das Boot jedoch den Canale di Tessera verlassen, heult der Motor auf und wir fahren rasant in die Lagune hinein. Ruhiger wird es erst wieder auf dem Canal Grande, denn hier teilen sich Vaporetti, Lieferboote, Gondeln und Wassertaxis den Weg. In einem kleinen Seitenkanal an einem hölzernen Steg macht der Schiffsführer fest und wuchtet unsere Koffer an Land. Wir haben unser Ziel erreicht. Die Villa Maravege wird für einige Tage unser Zuhause.


Eine einmalige Stadt

Hier gibt es keine Autos. Waren und Menschen werden mit Karren und Booten transportiert. Das Bild prägen große und kleine Kanäle sowie historische Fassaden. Der Verkehr spielt sich auf den Kanälen ab, während sich Einheimische und Besucher zu Fuß durch ein Labyrinth aus engen Gassen, kleinen Plätzen und über mehr als 400 Brücken bewegen. An den Kanälen: prächtige Paläste, jahrhundertealte Kirchen und schlichte Wohnhäuser, die sich im Wasser spiegeln. Dabei ändert die Stadt mit jeder Tageszeit ihr Gesicht und wird erst weit nach Mitternacht ruhiger.
Kaffee mit Aussicht

Natürlich kommt der Reisende bei einem Besuch Venedigs an der Basilica di San Marco, dem Campanile und dem Dogenpalast kaum vorbei. Darüber ist schon so viel geschrieben worden, dass ich kaum etwas Neues hinzufügen könnte. Auch mit den Massen an Menschen war zu rechnen. Wir flüchten lieber in schattige Arkaden, setzen uns vor das Caffé Florian und lauschen dem hauseigenen Orchester. Das traditionsreiche Caffé ist Italiens ältestes und lässt sich auf das Jahr 1720 zurückverfolgen. Ein wunderschöner, exclusiver Logenplatz in der ersten Reihe mit entsprechenden Preisen, von dem aus das Treiben auf dem weltberühmten Markusplatz mit einem Espresso in der Hand angenehm distanziert zu betrachten ist.
Dorsoduro – zwischen Regen, Pasta und Gondeln
Im südlichen Stadtteil Dorsoduro lässt es sich ruhig leben. Vom lebhaften Viertel San Marco geht es über die Ponte dell’Accademia und den Canal Grande in dieses ruhige Viertel. Sehenswert sind die Gallerie dell’Accademia und die Peggy Guggenheim Collection. Mir gefallen aber auch die Gassen mit ihren vielen Brücken und Geschäften. Und wenn dann noch ein ergiebiger Landregen fällt und im Ristorante Terrazza dei Nobili inmitten lautstarker italienischer Familien ein dampfender Teller Pasta auf dem Tisch steht, fühlt sich Venedig besonders echt an. Es geht aber auch anders in einer lauen Abendstunde an einem kleinen Kanal mit vorübergleitenden Gondeln. Das Ristorante da Raffaele serviert ein delikates Menü mit passendem Wein und aufmerksamem Service. Romantischer kann ein Tag in Venedig nicht ausklingen.






Schönheit hat ihren Preis
Venedig kennt kaum echte Ruhezeiten. Bereits in den frühen Morgenstunden läuft die Maschine an und es beginnt geschäftiges Treiben auf den Kanälen. Gondeln gleiten an Lieferbooten vorbei, die Restaurants, Hotels und Geschäfte versorgen. Den ganzen Tag über herrscht dichter Verkehr auf dem Wasser. Selbst am späten Abend gehören Gondeln mit Touristen zum Stadtbild. Lagune und Kanäle sind Verkehrsader, Arbeitsplatz und Sehenswürdigkeit zugleich – eine Pause gönnt sich die Stadt selten.
Die Lagunenstadt zieht jedes Jahr Millionen Menschen an. Die einzigartige Architektur, die Geschichte und das Leben auf dem Wasser üben eine Faszination aus, der sich kaum jemand entziehen kann. Doch gerade dieser Erfolg ist längst zu einer Belastung geworden.
Vor allem rund um den Markusplatz, die Rialtobrücke und den Canal Grande schieben sich oft dichte Menschenmengen durch die engen Gassen. An manchen Stellen kommt die Bewegung zeitweise zum Stillstand. Wer Ruhe sucht oder das alltägliche Leben der Venezianer kennenlernen möchte, muss nur wenige Straßen weitergehen. Dort wird deutlich, dass es neben dem touristischen Venedig noch ein anderes gibt – eines, das immer mehr unter dem Besucherstrom leidet.
Die Folgen des Massentourismus sind unübersehbar. Viele Wohnungen werden als Ferienunterkünfte vermietet, während bezahlbarer Wohnraum für Einheimische knapp ist. Kleine Lebensmittelgeschäfte und traditionelle Handwerksbetriebe weichen zunehmend Souvenirläden, Bars und Restaurants, die sich fast ausschließlich an Touristen richten. Die Zahl der Einwohner ist deshalb seit Jahrzehnten kontinuierlich zurückgegangen. Aus einer lebendigen Stadt droht eine beeindruckende Kulisse für Besucher zu werden.
Auch die empfindliche Bausubstanz leidet unter den Menschenmassen. Millionen Füße beanspruchen Jahr für Jahr Brücken, Plätze und historische Gebäude. Hinzu kommen die Auswirkungen des Schiffsverkehrs, dessen Wellen das ohnehin sensible Fundament der auf Holzpfählen errichteten Stadt zusätzlich belasten. Venedig steht deshalb vor der schwierigen Aufgabe, den Tourismus als wichtigste Einnahmequelle zu erhalten und gleichzeitig seine kulturelle Identität sowie seine historische Substanz zu bewahren.
Die Stadt versucht inzwischen gegenzusteuern. Tagesgäste zahlen eine Zugangsgebühr, um den Besucherandrang an besonders stark frequentierten Tagen zu steuern. Große Kreuzfahrtschiffe dürfen das historische Zentrum seit einigen Jahren nicht mehr passieren.
Abschied auf dem Wasser
Schließlich gibt es noch eine letzte Pasta, ein letztes Glas Wein in einer kleinen Bar auf dem Campo San Basegio. Wir werden Venedig an Bord eines Segelschiffes verlassen. Große Kreuzfahrtschiffe dürfen das historische Zentrum und das Terminal San Basegio seit Jahren nicht mehr anlaufen. Die Star Clipper fällt aber nicht unter die Beschränkungen. Deswegen gleiten wir abends an Markusdom, Dogenpalast und Uferpromenade vorbei in die Lagune und aufs offene Meer. Die Erinnerungen an Venedig kommen mit. Ob ich noch mal wiederkehren werde? Ich weiß es nicht.








Tipps
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Bilder: Silvia und Norbert Finkenbusch