Reiselvst

Norbert Finkenbusch

Norderney: Schiffe versenken

| Keine Kommentare

658708_web_R_by_Rudolpho Duba_pixelio.deDas nasse Vorsegel schlägt immer wieder entfesselt gegen den Mast. Der Mann an der Pinne ist allein mit seinem Boot dem Wind ausgesetzt im kleinen Hafen von Baltrum. Der Regen peitscht sein Gesicht. Derweil steht sein Vorschoter nach einem misslungenen Anleger am Steg und kann sein Pech nicht fassen.

Hafentheater

Am Ufer betrachten Schaulustige die Szene, als der einsame Segler erneut sein Glück versucht. Diesmal gelingt es, dass Boot anzulegen und am Steg festzumachen. „Na Jungs, spielt ihr Schiffe versenken?“ lautet einer der bissigen Kommentare.

Die beiden Segelschüler sind mit der Jolle „Pütz“ unterwegs und segeln zum ersten Mal ohne Skipper. Start und Ziel ist der Hafen von Norderney mit Zwischenstation auf Baltrum.Segelschule_Boot

Insel unter´m Wind

Norderney ist die größte der ostfriesischen Inseln und gleichermaßen bei Familien und Kegelklubs beliebt. Besonders attraktiv ist der lange Sandstrand. Im Ort ist ganzjährig viel los. Davon merken die Wassersportler im Hafen nichts. Da sind die Sportbootfahrer unter sich.

Freundschaft – Der Name ist Programm

Unter den eleganten Segelbooten und Motorjachten fällt die „Freundschaft“ besonders auf. Das Stahlschiff ist 42 Meter lang und über 100 Jahre alt. Früher hat es mit dem Namen „Deutsch-Sowjetische Freundschaft“ seinen Dienst als Fährschiff in der Ostsee geleistet. Jetzt liegt es in der Sommersaison von Mai bis Oktober im Hafen von Norderney, heißt nur noch „Freundschaft“ und dient als Basis der Segelschule von Jürgen de Buhr.Segelschule_Freundschaft

Jürgen ist ein wortkarger Ostfriese aus Emden mit dem Seglerherz auf dem rechten Fleck. Er hat sein halbes Leben auf See und auf der „Freundschaft“ verbracht. Bei ihm lernt der angehende Seemann alles, was zum Betrieb eines Sportboots gehört. Egal, ob segeln, motorbootfahren oder funken.

Gelebt und gelernt wird auf der „Freundschaft“ gemeinsam. Der Gast ist Teil der Mannschaft, lautet das Konzept. Dazu ist jeder willkommen, auch wenn er nur eine nicht alltägliche Unterkunft sucht und eigentlich Strandurlaub auf Norderney machen möchte.

Nachher vertragen wir uns wieder

„Jetzt nimm den Bootshaken und gib dem Ertrinkenden den Rest“, brüllt der Skipper. Der Ton ist schon mal rau während der Segelausbildung. Trotzdem ist der Umgang von Freundschaft und Respekt geprägt. Dabei müssen alle Handgriffe sitzen und die Manöver oft unter Zeitdruck gelingen. Dazu gehören Wende, Halse, Mann über Bord oder das Umrunden der Ansteuerungstonne vor der Norderneyer Hafeneinfahrt.

Das Segelrevier hinter den Inseln stellt spezielle Anforderungen an Schiff und Mannschaft. Ständig geht ein starker Strom, der zudem noch alle sechs Stunden seine Richtung wechselt. Wenn Wind und Wellen dazu kommen, dann müssen sich die Segler auf ihre Kameraden und das Boot verlassen können. Dabei geht es nur mit der Natur, nie dagegen.

525270_web_R_by_Marion Heidemann-Grimm_pixelio.deSchlickrutscher

603134_web_R_by_Lothar Krause_pixelio.deDie beiden Segelschüler haben ihren Schrecken vom Anlegemanöver auf Baltrum überwunden und machen sich auf den Weg. Wind und Strom treiben das kleine Segelboot ins Wattenmeer vorbei am Wrack und den Seehunden am Ostende von Norderney.

Bis dahin ist der Weg einfach und durch grüne und rote Tonnen gut gekennzeichnet. Danach beginnt harte Arbeit.

Ein Wattenhoch gibt’s hinter jeder ostfriesischen Insel. Es ist die Stelle, an der der schmale Fahrweg die geringste Tiefe aufweist. Dahinter wechselt die Strömung, die die Segelschüler jetzt gegen sich haben. Außerdem ist das gewundene Fahrwasser nur noch durch Pricken gekennzeichnet, die wie Reisigbesen aus dem Wasser ragen.

Hafenrundfahrt

Die härteste Prüfung steht noch bevor. Die Hafeneinfahrt von Norderney. Die Strömung ist hier besonders stark, und wenn der Segler nicht geschickt vorgeht, dann reißt der Strom das Boot an der Einfahrt vorbei oder treibt es gegen die Kaimauer. Glück gehabt. Kurz vor der Mauer zieht der Wind das Boot in den Hafen. Endlich ruhiges Wasser. Jetzt nur noch das Anlegemanöver an der „Freundschaft“ unter Jürgens kritischen Augen, und der Törn nimmt ein gutes Ende. Hilfestellung gibt’s nicht. Das müssen beide aus eigener Kraft erledigen.

Geschafft. Der Anleger gelingt. Sie machen das Boot am Steg fest. Jürgen ist zufrieden. Vom Anleger auf Baltrum muss er ja nichts wissen.

Segelausbildung: Die Segelschule auf der Freundschaft (www.treffpunktsegelschule.de) ist eine vom Deutschen Segler-Verband (www.dsv.org) anerkannte Ausbildungsstätte. Heimathafen ist Emden. Vom Frühjahr bis zum Herbst liegt das Schiff im Hafen von Norderney.Anreise: Mit der Deutschen Bahn (www.bahn.de) bis Norddeich Mole, dann mit den Fähren der Frisia (www.reederei-frisia.de) in etwa 55 Minuten nach Norderney.

Besonderheiten: Bei einer Anreise mit dem PKW empfiehlt sich, diesen auf einem Parkplatz in Norddeich abzustellen. Das Auto kann auch mit auf die Insel genommen werden. Auf Norderney sind bestimmte Bereiche nur eingeschränkt befahrbar (teilweise nur zum Be- und Entladen).

Information: www.norderney.de

Nachtrag: Leider gibt’s die Freundschaft nicht mehr. Sie wurde im Jahr 2015 in Papenburg verschrottet.

Fotos: Jürgen de Buhr, Emden; Rudolpho Duba  / pixelio.de; Marion Heidemann-Grimm  / pixelio.de; Lothar Krause  / pixelio.de

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.